Und es ist gut so

Ständig geschieht uns etwas. Es passieren uns Gefühle, Gedanken, Reaktionen aller Art. Es passieren uns Fehler, auch Verletzungen, die wir anderen und uns selbst zufügen. Es passiert uns, dass uns das richtige Wort, das lösende, zum richtigen Zeitpunkt einfällt oder die türöffnende Information zugespielt wird. Ein bezauberndes Lächeln, das uns jemand zuwirft, der Zug, der zu spät kommt, die Krankheit, die uns heimsucht, eine günstige Gelegenheit, die sich auftut…, all das geschieht uns, Tag für Tag, Minute für Minute. In der großen, weiten Welt ebenso wie in unserem engeren Umfeld geschehen Dinge, die uns in der einen oder anderen Weise berühren. Und es ist gut so, behaupte ich. Was immer geschieht, ist gut so.

Ja, ja, die positiven Denker, sie sehen alles durch die rosarote Brille, übertünchen den Rost ihres inneren Grams mit einem glänzenden Lack. So oder ähnlich mag manch verbitterter Zeitgenosse denken. Aber die Dinge schönzudenken und schönzureden, das ist gerade nicht meine Absicht. Mir ist in meinem Leben so vieles geschehen, das einfach nur – ich finde keinen treffenderen Begriff – Scheiße war, das mich geschmerzt hat, das mich entsetzt, wütend, traurig gemacht hat, für das ich mich schäme, das ich ungeschehen machen würde, wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte. Freilich ist mir auch in einem hohen Maß das andere zuteil geworden, das Kraft Spendende, das Großartige, Beglückende, Erhebende. Und darüber hinaus das scheinbar Belanglose, das aber doch auch seine Bedeutung hat.

Wie also komme ich zu der Behauptung, was immer geschehe, sei gut so? Sie ist umso provokanter, wenn wir an die verheerenden Entwicklungen im Nahen Osten und manchen Gegenden Afrikas denken, an die furchtbaren Folgen der Klimaerwärmung, an die sich ständig weiter öffnende Schere zwischen Arm und Reich oder an die zunehmende Entkulturalisierung und Verpöbelisierung unserer Gesellschaft. Was ist gut an all dem Unglück im persönlichen Leben, in der Gesellschaft, in der Welt?

Echte Winner, sei es im Sport oder in der Wirtschaft, berichten, dass es die Niederlagen waren, die ihnen den größten Gewinn für ihr Leben und Wirken gebracht haben. Als Coach begleite ich nun über viele Jahre eine Frau, die im Spitzenmanagement tätig ist. Eine Lichtgestalt, alles schien ihr zu gelingen, sie bewirkte viel Gutes für ihr Unternehmen, ja für ihr ganzes Land, bis ihre Karriere durch einen Skandal, an dem sie persönlich nicht in der geringsten Weise beteiligt war, jäh unterbrochen wurde. Zugleich brannte ihr Mann mit einer anderen Frau durch, und ihrem Vater wurde Krebs diagnostiziert, an dem er bald darauf starb. „Das ist nun die Reifeprüfung, die es zu bestehen gilt. Jetzt zeigt sich, ob du wirklich eine Gewinnerin bist“, stellte ich sie vor die Herausforderung, diese umfassende Katastrophe anzunehmen. „Die Niederlage ist die ultimative Prüfung für Gewinner.“ Die arme Frau war zutiefst erschüttert. Es gab Begegnungen zwischen uns, in denen sie mehr weinte als sprach. Und ich hatte kein Mittel, ihr ihren Schmerz zu nehmen, ich konnte sie nur stärken, ihn zu ertragen.

„Und es ist gut so. Es ist gut so, wie es gekommen ist“, murmelte sie eines Tages zu meiner Überraschung, und ihre Tränen schienen nicht mehr dem Verlust zu entspringen, den sie erdulden musste, sondern dem Glück, gewachsen zu sein. „Seit meiner Kindheit habe ich nicht mehr geweint, in diesen Wochen habe ich das riesige Reservoir meiner zurückgehaltenen Tränen geleert. Immer war ich die Starke, jetzt ist mir nichts anderes übrig geblieben, als meine Schwäche zuzulassen. Und wenn ich mich in den Spiegel schaue, begegne ich mir erstmals ohne die Schminke und den trügerischen Glanz des Erfolges“, bekannte sie.

Die Tränen, die Schwäche, das Versagen, all das war ja schon vorher in ihr gesteckt. Aber es war nicht zum Ausdruck gekommen. Es ist gut so, dass es Gelegenheit fand, zum Ausdruck zu gelangen. Es ist gut so, dass es endlich zu einem bewussten, willkommen geheißenen Teil ihrer selbst geworden war. Es ist gut so, weil sie heute in einer viel ungezwungeneren, entspannteren Weise stark sein und Erfolg haben kann. Es ist gut so, weil ihr Glück nicht mehr dadurch erkauft ist, dass sie ihre Traurigkeit, ihre Zerbrechlichkeit, ihre Ängste in irgendwelche Winkel ihrer Seele verbannt. Es ist gut so, weil zum Einen das Andere noch hinzugekommen ist. „Und es ist gut so“, seit jenem Coachinggespräch begleitet mich dieser Satz und entfaltet eine unglaublich heilende Wirkung in meinem Leben.

Alles, das sich zeigt, hat es schon vorher gegeben – als eine nicht anerkannte Wirklichkeit. Dass die Religionen eine Brutstätte von Konflikt sind, das war immer so. Heute zeigt es sich in dramatischer Weise in Form von Abschottung, von Krieg und Terrorismus. Und das ist gut so. Dass der Mensch seine technologischen Entwicklungen nicht mit der Natur sondern vorwiegend gegen sie entwickelte, das war schon immer so. Heute, da die Natur zurückschlägt, wird es auf schmerzhafte Weise deutlich. Und das ist gut so. Dass der Besitz von Macht, Vermögen, Hab und Gut, Know How und Information nicht zum Wohle der Besitzlosen sondern auf deren Kosten erworben und genutzt wurde, das war auch früher so. Aber heute, im Zeitalter der Globalisierung, wo sich ein großer Teil des Vermögens der ganzen Welt in einigen wenigen Händen konzentriert und die Armen zugleich immer ärmer werden, diskutiert man öffentlich darüber. Und das ist gut so. Egoismus, Vorurteile, Mangel an Empathie gab es früher auch. Aber heute, wo Hass, Hetze, Rohheit und Derbheit chic geworden sind, treten sie, unerträglich für jeden einigermaßen normal tickenden Menschen, offen zutage. Und das ist gut so. Krisen aller Art, ob im öffentlichen oder persönlichen Bereich, machen sichtbar, was latent schon die längste Weile da ist. Und das ist gut so, weil es unserem Wachstum dient und unserem Glück.

So ist das Leben: Es stürzt uns ins Unglück, dass wir unserem Glück entgegenwachsen. Die – ich bitte um Verzeihung – Scheiße gehört nicht bekämpft sondern angenommen, als Chance zu lernen, über uns (in unserer bisherigen Form) hinaus zu wachsen, ganz und heil zu werden. Shit happens. Und es ist gut so.

Shit happens, aber vor allem geschieht viel Gutes in unserem persönlichen und beruflichen Leben ebenso wie in der großen, weiten Welt. Das meiste, das wir anpacken gelingt, auch die meisten Beziehungen gelingen, der überwiegende Teil unseres Lebens gelingt. Auch der überwiegende Teil des öffentlichen Lebens funktioniert. Ja, er funktioniert immer noch besser. Wir betrachten das als selbstverständlich, aber es hat Bedeutung, bringt es doch das viele Gute, das in uns allen steckt, zum Ausdruck. Und es ist gut so, weil es uns die Freiheit gewährt, weiter zu gehen, uns und unser Umfeld weiterzuentwickeln. Glückliche Kinder, nicht nur befriedigender sondern erfüllender Sex, der Start Up eines zukunftsweisenden Unternehmens, das Zusammenwirken der Menschen in einem Dorf, um Flüchtlingen ein menschenwürdiges Dasein hierzulande zu ermöglichen…, soviele Sternstunden der Menschlichkeit, die permanent, Sekunde für Sekunde in unserer Welt passieren! All das setzt Kraft frei, stiftet Glück, ist ein Beitrag für eine bessere Welt. Es gibt nicht nur Syrien, es gibt nicht nur Terrorismus, es gibt nicht nur politische Krakeler und Rattenfänger, Shitstorms, Überschwemmungen und brennende Wälder, es gibt viel, viel mehr Großartiges in uns, um uns, durch uns, und überhaupt auf der ganzen Welt. Und das ist gut so.

„Und das ist gut so“ ist ein Wort des Friedens mit all dem, was geschieht. Ein so starkes Wort des Friedens, dass selbst der liebe Gott darauf zurückgriff, als er am Ende eines jeden Tages der Schöpfungsgeschichte feststellte, dass es gut war. Vielleicht hilft es auch uns weiter, aus tiefstem Herzen anzuerkennen, dass es gut so ist, wie es ist, als Ausgangspunkt für die nächsten Schritte unserer Entwicklung.

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